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Erfahrungsbericht: Manie
Tag d. seelischen Gesundheit
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Tag d. seelischen Gesundheit

Gedanken zum Tag der seelischen Gesundheit aus Sicht einer Person mit bipolarer Erkrankung

Am 17. September 2011 wurde im Festsaal des Wiener Rathauses der „Tag der Seelischen Gesundheit“ begangen. Neben einem Rahmenprogramm sollte auch die Arbeit der verschiedenen Selbsthilfegruppen vorgestellt werden. Zu dem Zweck waren bereits Infostände vorbereitet worden. Unseren zierte ein großes Schild mit der Aufschrift „BI-HAPPY – SHG für Menschen mit bipolaren Störungen“. Für unser Anliegen, den Besuchern das Krankheitsbild näher zu bringen, erwies sich die Bezeichnung als nicht sehr hilfreich, sorgte sie doch eher für Stirnrunzeln. Weitaus mehr Interesse erregte die Tapezierung der Wände unserer Koje mit grellbunten, überdimensionierten Namensschildern von manisch-depressiven Prominenten, wobei der „Club der toten Dichter“ die weitaus größte Gruppe darstellte:

Hans Christian Andersen, Honoré de Balzac, Wilhelm Busch, Lord Byron, Agatha Christie, Charles Dickens, William Faulkner, Johann Wolfgang von Goethe, Graham Greene, Ernest Hemingway, Hermann Hesse, Victor Hugo, Ernst Jandl, Jack London, Sylvia Plath, Edgar Ellen Poe, Friedrich Schiller, August Strindberg, Mark Twain, Tennessee Williams, Virginia Woolf.

Auch Komponisten, Sänger, Schauspieler, sowie Maler waren zahlreich vertreten:
Hector Berlioz, Ludwig van Beethoven, Frederic Chopin, Gaetano Donizetti, Georg Friedrich Händel, Wolfgang Amadeus Mozart, Sergej Rachmaninow, Robert Schumann, Hugo Wolf; Ray Charles, Sinead O’Connor, Falco, Conny Francis, Janet Jackson, Kurt Kobain, Axel Rose, Britney Spears, Sting, Robbie Williams, Amy Winehouse, Marlon Brando, Mel Gibson, Vivien Leigh, Marilyn Monroe, Liz Taylor, Robin Williams; Paul Gauguin, Vincent van Gogh, Michelangelo, Edvard Munch, Pablo Picasso, Peter Paul Rubens.

Und nicht fehlen durften natürlich die Staatsmänner Napoleon Bonaparte, Winston Churchill, Abraham Lincoln, Richard Nixon, Theodor Roosevelt.

Als Reaktion auf die Erklärung, welche Gemeinsamkeit all die Menschen vereinte, folgte oft ein erstauntes: „Was der/die auch?“

Mit einem jungen Mediziner ergab sich im Anschluss daran ein längeres Gespräch, in dessen Verlauf er sogar Ärztewitze zum Besten gab:
„Wenn ein Bipolarer kein Lithium nimmt, nimmt er sich das Leben, wenn ja, stirbt er zehn Jahre später an Leberversagen“
„Sperrt einen Manischen zu den Depressiven und der Fall ist gelöst“.

Als ich nach der Veranstaltung über den fast menschenleeren Rathausplatz ging, drängten sich mir unweigerlich die Bilder der TV-Übertragung des prunkvollen Defilees der zahlreichen Ehrengäste des letzten Life-Balls auf.

Ich konnte nicht umhin, die beiden Events miteinander zu vergleichen und informierte mich noch am selben Abend über den diesjährigen Ball, der unter dem Motto „Spread the wings of Tolerance“ über die Bühne gegangen war.

Toleranz mit "anders" lebenden Menschen, Solidarität gegenüber Kranken und Ausgegrenzten, ein wachsames Auge auf gesellschaftliche Missstände und der Versuch einer breitestmöglichen Sensibilisierung für das Thema HIV und AIDS.

Letzteres ist dem Life-Ball Organisator und Begründer Gery Keszler hervorragend gelungen. Doch Sensibilisierung im Sinne von Aufklärungsarbeit – in Bezug auf die erworbene Immunschwächekrankheit hauptsächlich um Neuinfektionen zu verhindern – ist auch was psychische Krankheiten betrifft von enormer Bedeutung.

Auf dem Platz zwischen Rathaus und Burgtheater versammelten sich am 21. Mai zirka 40.000 Zuschauer der glamourösen Benefiz-Veranstaltung, welche weit über die Grenzen Österreichs hinaus bekannt ist. Jährlich berichten inzwischen mehr als 60 TV-Stationen und insgesamt rund 500 Medienvertreter aus dem In- und Ausland über das Ereignis.

Obwohl allein die Anzahl der „bipolaren“ Wiener jener der Life-Ballbesucher deutlich übersteigt und etwa jeder dritte Mensch mindestens einmal in seinem Leben an einer psychischen Störung erkrankt oder von einem seelischen Problem betroffen ist, gibt es keine auch nur annähernd diese Aufmerksamkeit erregende Kampagne um eine Enttabuisierung zu erreichen.

Eine derartige Kampagne bräuchte ein „Gesicht“. Dieses sollte zu einer möglichst schillernden Persönlichkeit wie beispielsweise Vivien Westwood gehören und ein möglichst publicityträchtiges Outing wie Cathrin Zeta-Jones wagen. Beide Namen waren an unserer Pinnwand zu finden.

In diesem Zusammenhang dachte ich auch daran, wie das Thema „Psychische Krankheiten“ bisher filmisch verarbeitet wurde. Die Palette reicht von der 1993 gedrehten Psychiatriestudie „Mr. Jones“ mit Richard
Gere als musikalisch und mathematisch hochbegabten Zimmermann, der – übermannt von einem Hochgefühl – auf das höchste Stockwerk eines Rohbaus klettert und abzuheben versucht bis zu dem mit vier Oscars ausgezeichneten Kinofilm „A Beautiful Mind – Genie und Wahnsinn“ aus dem Jahr 2001. Er skizziert die reale Lebensgeschichte des an Schizophrenie leidenden Mathematikers und Nobelpreisträgers John Nash. Romantisiert in typischer Hollywoodmanier geht es bei beiden Streifen zwar weniger um die echte Hinterfragung der jeweiligen Erkrankung, das wechselvolle Leben sowie die Leiden der Protagonisten werden dennoch weitgehend realitätsnah, jedoch nicht wertend dargestellt.

Ganz anders die österreichische TV-Produktion „Happy Hour oder Glück und Glas“. In dem laut Kritikern als überkandidelt und musikalisch überladen inszenierten sowie aufgrund der teilweise krassen Überzeichnung der Figuren echte Dramatik unmöglich machenden Film wird die konfliktreiche Geschichte eines jungen Paares, dessen Beziehung durch die böse Krankheit des Mannes auf harte Proben gestellt wird, erzählt.
Der an einer „bösen Krankheit“ Leidende war bipolar und seine Frau schwanger.

Die Art der psychischen Störung erfuhr diese allerdings erst durch einen von Dietmar Schönherr sehr überzeugend dargestellten älteren Landarzt. Auf die Mitteilung betreffend die vorliegende Schwangerschaft folgte die unmissverständliche Aufforderung: „Dann wissen Sie ja, was zu tun ist!“

Euthanasie?
Ich wage kaum, den Gedanken weiterzuspinnen. Wie farb- und freudlos wäre die Welt ohne die vielen kreativen Köpfe - und wer hätte uns das Gravitationsgesetz sowie Relativitäts- und Evolutionstheorie erklärt, wenn nicht Isaac Newton, Albert Einstein und Charles Darwin.

Ebenfalls nicht ganz unproblematisch ist die Berichterstattung in Printmedien. So wünschenswert es ist, wenn sich Mediziner mit Fachkommentaren zu Wort melden, so verwirrend können unbedachte Äußerungen wie beispielsweise eine „Beirut, die bipolare Stadt“ betitelte Glosse (Standard 14.10.2010) sein. „Beirut, das ist die richtige Stadt für Menschen mit bipolarer affektiver Störung: Die Stadt macht Spaß, ist schrill, hedonistisch, laut und voller Energie.“

Auf meine vorgebrachte Beschwerde ging der Verfasser des Artikels mit den Worten „Nichts lag mir ferner, als eine Krankheit ins Lächerliche zu ziehen, wie Sie in Ihrer Zuschrift vermuten. Wenn ich Sie oder andere Mitglieder Ihrer Selbsthilfegruppe durch meinen Kommentar verletzt haben sollte, so tut mir das aufrichtig leid“ ein.

Die Entschuldigung bestärkte mich in der Annahme, dass es sich nicht um eine bewusste Provokation gehandelt hatte, und beim Weiterlesen konnte ich mich sogar eines Schmunzelns nicht erwehren: „Es bleibt zu hoffen, dass ich mit meinem Vergleich einige Leserinnen und Leser dazu motivieren konnte, erst einmal nachzusehen, was man unter bipolarer affektiver Störung versteht und sich vielleicht näher mit dieser manisch-depressiven Erkrankung auseinanderzusetzen. Dann hätte ich Ihrer Sache zumindest einen Dienst erwiesen“.
Ganz unrecht hatte der Mann damit nicht.

Geschrieben hatte ich, um eine eventuelle Wiederholung zu verhindern. Nicht auszudenken, wenn ein ohnehin bereits Manischer auf die Idee käme, der „verrückten“ Stadt einen Besuch abzustatten.
Es gibt aber auch andere Herangehensweisen. So wie ich Jahre später hatte die Kolumnistin Marga Swoboda bereits im Mai 2008 einen – verkürzt wiedergegebenen - Vergleich angestellt:
„Schön, dass es den Life-Ball gibt. Schad, dass andere Arten von Krankheit und Tod nicht so ein tolles Forum haben wie das Thema AIDS. Klar, zum Thema Demenz zum Beispiel oder Alzheimer ließe sich schwer so eine geile Show inszenieren. Kein Thema also, für das Puppen und die Weltstars über den Laufsteg tanzen. Imagewert null. Menschen mit psychischen Erkrankungen geht’s auch nicht viel besser. Der Marketing-
Mensch muss erst geboren werden, der einen Life-Ball für Manisch-Depressive inszeniert.“
Und der Psychiater Prof. Kapfhammer brachte die Situation in einem Zeitungsinterview folgendermaßen auf den Punkt: „Psychisch Kranke haben keine Lobby!“

29.09.2011 St.E.



Dr. Christian Simhandl